Aktuelle BeschĂ€ftigungssituation von Frauen đŸŽ„

Sitzung vom 5. MĂ€rz 2015


Sehr geehrter Herr PrÀsident! Damen und Herren!

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich sage mal, wie es ist: Frauen wissen alles, und Frauen können alles, alles, was man fĂŒr Berufe braucht.

Sie mĂŒssen aber auch dĂŒrfen. DafĂŒr braucht es eben auch das Recht, das Recht auf gleichen Lohn fĂŒr gleiche Arbeit, und Berufe, in denen besonders viele Frauen arbeiten, brauchen auch die gleiche WertschĂ€tzung.

In den Jahren meiner praktischen Ausbildung im Kindergarten habe ich mir oft gewĂŒnscht, dass die KindergĂ€rtnerinnen mal so auf die Straße gehen, wie die Chemie- und Metallfacharbeiter das ab und zu tun, um deutlich zu machen, was fĂŒr uns selbstverstĂ€ndlich ist: Es sind die Frauen in den sozialen Berufen, die sich um alte Menschen in den Senioreneinrichtungen und um Kinder in den Kitas und in den Grundschulen kĂŒmmern. Es gibt mittlerweile Gegenden in Deutschland, in denen
es sich KindergÀrtnerinnen gar nicht mehr leisten können, da zu wohnen, wo sie arbeiten.

Sie nehmen deshalb weite Anfahrtswege in Kauf. AltenpflegeschĂŒlerinnen und -schĂŒler mĂŒssen ihre
Ausbildung teilweise selbst finanzieren. Ein anderes Beispiel sind demgegenĂŒber die Lehrlinge in der Metall und Elektroindustrie, die in NRW 867 Euro im ersten Lehrjahr verdienen. So steht es im Tarifarchiv der Hans-Böckler-Stiftung. Und auch die Aufstiegschancen sind im Seniorenheim und im metallverarbeitenden Gewerbe – kurz gesagt – sehr unterschiedlich. Gewerkschaften, Eltern und MigrantenverbĂ€nde sind hier gefragt, und die gesamte Gesellschaft ist gefragt, das nicht lĂ€nger hinzunehmen.

Das ist auch angesichts dessen wichtig, was wir schon heute wissen: Wir werden zukĂŒnftig viel mehr Altenpflegerinnen und Altenpfleger brauchen. Wen wollen wir fĂŒr diese Berufe eigentlich noch begeistern? Es ist Zeit, diesen Frauen und MĂ€nnern auch einmal Danke zu sagen.

Ich sage das auch als Abgeordnete aus dem Ruhrgebiet. Die Chancen einer Region steigen, wenn sie junge Frauen fördert und ihnen eine Chance gibt; denn dort gehen die Frauen hin. Wo die Frauen hingehen, da sind die MÀnner auch nicht weit, und das biologische kleine Einmaleins besagt: Da gibt es
auch Kinder und wieder Arbeit.

Mein Opa war noch stolz darauf, dass er sagen konnte: „Meine Frau muss nicht arbeiten“, weil er genug verdient hat. So war das bei vielen – auch bei den Bergarbeitern im Ruhrgebiet. Meine Oma aber erzĂ€hlte zeitlebens gern aus der Zeit, als sie noch im SchuhgeschĂ€ft gearbeitet hat, bevor der Krieg begonnen wurde und die jĂŒdischen Besitzer dieses SchuhgeschĂ€fts in Gladbeck fliehen mussten. Meine Oma hatte danach noch viel Arbeit, aber nie wieder ein BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnis.

Seit ich mich politisch engagiere, hat sich vieles verĂ€ndert. 1998 war es die rot-grĂŒne Koalition, die die Familienpolitik in Deutschland entscheidend verĂ€ndert hat.

Ich erinnere an Christine Bergmann, an Edelgard Bulmahn, an Renate Schmidt und an den Ausbau der Ganztagsgrundschulen, den ich als Kommunalpolitikerin im Rat meiner Heimatstadt miterleben und mitgestalten durfte. Aber es gibt in unserem Denken immer noch einen alten Webfehler, und der besagt: Papa ernĂ€hrt die Familie, Mama verdient was hinzu: Taschengeld fĂŒr Taschengeld extra und Urlaub, wenn es denn reicht. Fast die HĂ€lfte aller Partnerschaften mit Kindern entscheidet sich fĂŒr dieses Modell der Zuverdiener: Die Frau arbeitet in Teilzeit, der Mann in Vollzeit. Nur bei einem Viertel sind die Arbeitszeiten paritĂ€tisch verteilt.

Gleiche Chancen sind immer noch nicht gegeben. Da, wo die Frauen immer noch weniger verdienen – ĂŒbrigens auch in vergleichbarer BeschĂ€ftigung –entstehen keine Gerechtigkeit und eben auch keine gleichen AnsprĂŒche – etwa bei der Rente.

Deswegen ist Manuela Schwesig auf dem richtigen Weg und handelt klug, wenn sie von Zukunftsmodellen der Familienarbeitszeit spricht.

Es geht darum, von diesem einseitigen Modell der Aufgabenverteilung bei MĂ€nnern und Frauen wegzukommen. Meine Heimat ist genauso wie das ganze Land von Zuwanderung geprĂ€gt; das haben wir mittlerweile gelernt. Das prĂ€gt auch die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt. Auch hier ist die BerufstĂ€tigkeit der Frauen bzw. der Migrantinnen entscheidend. Sie haben all die Probleme der Frauen am Arbeitsmarkt, aber davon noch mehr. Nur knapp ĂŒber die HĂ€lfte ist ĂŒberhaupt erwerbstĂ€tig. Bei den MĂŒttern ohne Migrationshintergrund sind es immerhin ĂŒber 70 Prozent, wenn auch oft in Teilzeit.
Aber deswegen ist es wichtig, dass wir die Migrantinnen mit Programmen vor Ort begleiten, so wie Manuela Schwesig das aktuell mit dem Programm „Stark im Beruf – MĂŒtter mit Migrationshintergrund steigen ein“

Noch ein Hinweis. Mir ist in Vorbereitung auf den heutigen Tag aufgefallen: Ein genauerer Blick auf die Zuwanderungsgruppen zeigt, dass es hier Unterschiede gibt. Laut Mikrozensus 2012 ist das ĂŒberraschende Ergebnis: Nur 23 Prozent der TĂŒrkinnen und lediglich 20 Prozent der Frauen vom afrikanischen Kontinent sind erwerbstĂ€tig. Das ist umso dramatischer, weil mittlerweile fast jedes dritte Kind in Deutschland in einer Familie lebt, in der mindestens ein Elternteil selbst eingewandert ist oder eine auslĂ€ndische StaatsbĂŒrgerschaft besitzt. Wir sprechen hier von 4 Millionen Kindern.

Ich komme zum Schluss. Ich sage es einmal so:
„Damlaya damlaya göl olur“. Da wir viele TĂŒrkinnen in diesem Land haben, mĂŒssen wir auch sie berĂŒcksichtigen. Das, was ich gesagt habe, heißt auf Deutsch: Viele Tropfen machen einen See. Oder: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Herr PrÀsident, wir Sozialdemokratinnen machen das so, schon immer, und das machen wir auch immer weiter.

GlĂŒck auf!


Das Video zu meiner Rede könnt ihr euch hier anschauen: