Rede zur Langen Nacht der Ideen 2021 ­čÄą

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Meine Rede zur Ausw├Ąrtigen Kultur- und Bildungspolitik bei der Er├Âffnung der digitalen „Lange Nacht der Ideen. WIE BALD IST MORGEN?“┬á im Rahmen des Forums „Menschen Bewegen 2021“ in der Malzfabrik Berlin: (im Video unten ab 2:30)


1998 schaute eine damals 18 J├Ąhrige gebannt auf den Fernseher. Da rief ein junger K├╝nstler dazu auf, in den Wolfgangsee zu springen, um den Urlaubsort des damaligen Bundeskanzlers zu fluten. Der junge K├╝nstler war Christoph Schlingensief. Und die 18j├Ąhrige, das war ich.

K├╝nstler wie Schlingensief haben mich gepr├Ągt. Dass ich heute Politik mache, liegt auch an ihm.

Kunst nicht hinter dicken Mauern und Vitrinen, sondern mitten im Leben. Kultur als Gesellschaftspolitik, die alle etwas angeht. Das ist mein Kulturverst├Ąndnis. Es ist gepr├Ągt von den Erfahrungen in meiner Heimat, dem Ruhrgebiet: davon, wie bereichernd Vielfalt sein kann; und davon, wie Kunst und Kultur gesellschaftliche Teilhabe st├Ąrken k├Ânnen.

Ich bin ├╝berzeugt: Kunst und Kultur, das ist nichts Abgehobenes. Es geht um die Frage, wie wir miteinander leben wollen.

Es geht darum, wie wir gemeinsam unsere Zukunft gestalten wollen. Es geht darum, den gesellschaftlichen Zusammenhalt, Solidarit├Ąt und Gerechtigkeit zu st├Ąrken.

Kultur soll R├Ąume ├Âffnen, in denen wir einander begegnen k├Ânnen. In denen wir an gemeinsamen Perspektiven auf diese Welt arbeiten. Vom Ruhrgebiet bis zu den Vereinten Nationen. Das ist existentiell f├╝r unsere Demokratie.

Der Ma├čstab einer so verstandenen Kulturpolitik ist ganz einfach: Sie muss dazu beitragen, dass es am Ende des Tages den Menschen besser geht.

Internationale Kulturpolitik, das ist Friedenspolitik; es ist das gemeinsame Arbeiten am Weltgeist.

Deshalb war f├╝r uns auch in der Corona-Krise wichtig, dass die Pandemie nicht zu einem Kulturkahlschlag f├╝hren darf. Weder bei uns in Deutschland noch international. Wir haben deshalb in der Krise Soforthilfeprogramme f├╝r das Goethe-Institut und die Auslandsschulen aufgelegt. Und wir haben einen internationalen Hilfsfonds f├╝r unsere Kulturpartner weltweit gestartet.

Wir haben das in dem Bewusstsein getan, dass wir es nicht zulassen d├╝rfen, dass das Netz an Zusammenarbeit, das ├╝ber Jahre und Jahrzehnte gewachsen ist, durch die Pandemie zerst├Ârt wird.

 

Meine Damen und Herren,

ziemlich genau aus der Zeit, als Schlingensief seine Aktion durchf├╝hrte und die Partei ÔÇ×Chance 2000ÔÇť gr├╝ndete, stammt auch die letzte umfassende Strategie f├╝r unsere Ausw├Ąrtige Kultur- und Bildungspolitik.

Das ist ├╝ber 20 Jahre her. In unseren Geldbeuteln steckte noch die D-Mark. Und China hatte ein┬áBIP┬ávon der Gr├Â├če Italiens. Die g├Ąngige Erz├Ąhlung war: Die Welt w├╝rde immer demokratischer. Die Menschenrechte setzten sich immer mehr durch. Das Ende der Geschichte.

Im R├╝ckblick: eine andere Zeit, die dem Mauerfall n├Ąhersteht als unserer Gegenwart.

Nat├╝rlich ist vieles, was im Jahr 2000 richtig war, auch heute noch richtig. Aber die Herausforderungen sind doch ganz andere.

Das Ende der Geschichte ist selbst Geschichte. Demokratien sind unter Druck geraten. Autokratische Tendenzen breiten sich weltweit aus. Dass es einmal zu einem Sturm auf das Herz der amerikanischen Demokratie kommen w├╝rde, h├Ątte ich mir als Sch├╝lerin nicht tr├Ąumen lassen.

Und seien wir ehrlich: Auch bei uns in Europa wird in einigen Staaten die Rechtsstaatlichkeit immer weiter ausgeh├Âhlt. Die Pressefreiheit steht unter Druck. Selbst in Deutschland hat Reporter ohne Grenzen in seinem aktuellen Bericht die Pressefreiheit von gut auf zufriedenstellend herabgestuft. Das kann uns nicht zufriedenstellen.

Dazu sehen wir im Jahr 2021 noch deutlicher als vor zwanzig Jahren die riesige Aufgabe, die es ist, die nat├╝rlichen Lebensgrundlagen unserer Welt zu bewahren. Die Uhr tickt. Jeden Tag, an dem wir nicht umsteuern, wird der Kampf gegen den Klimaschutz schwerer. Jeden Tag, an dem es uns nicht gelingt, die soziale Ungleichheit auf dieser Welt zu verkleinern, verspielen wir unsere Zukunftschancen. Nachhaltigkeit ist das zentrale Thema des 21. Jahrhunderts. Auch f├╝r die Kultur.

Und schlie├člich wird immer mehr deutlich: Wir befinden uns in der dritten gro├čen Revolution der Menschheit. Nach der neolithischen und der industriellen Revolution nimmt die digitale Revolution rasant Fahrt auf.

Lesen Sie mal, was in der Kulturstrategie 2000 des Ausw├Ąrtigen Amtes zur Digitalisierung steht: der innovative Einsatz von CD-ROMs! 20 Jahre sp├Ąter kommt uns das vor wie aus der digitalen Steinzeit. Wie schnell die Digitalisierung alles umkrempeln kann, haben wir gerade w├Ąhrend der Pandemie noch einmal deutlich gesehen.

Umso wichtiger ist: Wir m├╝ssen sie aktiv gestalten. Sonst werden wir gestaltet.

Demokratie, Nachhaltigkeit, Digitalisierung: Das sind die gro├čen Herausforderungen unserer Zeit. Und deshalb ist es kein Zufall, dass sie auch bei der Konferenz ÔÇ×Menschen bewegenÔÇť im Mittelpunkt stehen.

Das Ziel ist klar: Es gilt, in einer Zeit, in der Freir├Ąume kleiner werden, Zusammenarbeit ├╝ber Grenzen hinweg m├Âglich zu machen; Austausch von Menschen und Ideen und einen wirklich globalen Diskurs zu erm├Âglichen, in dem die Kulturen der Welt gleichberechtigt an der Herausbildung einer gemeinsamen globalen Erz├Ąhlung mitwirken k├Ânnen.

 

Meine Damen und Herren,

Wenn man einen Nagel in die Wand schlagen will, hilft kein Schraubenzieher. Deshalb haben wir unsere Instrumente in der zur├╝ckliegenden Legislaturperiode konsequent an die Herausforderungen unserer Zeit angepasst.

Erstens haben wir unsere Kulturpolitik noch konsequenter daraufhin ausgerichtet, R├Ąume f├╝r zivilgesellschaftlichen Austausch offenzuhalten.

Denn zur Wahrheit geh├Ârt auch: Die Menschen sind da h├Ąufig weiter als die Staaten. Als Pr├Ąsident Trump aus dem Klimaabkommen ausgetreten ist, haben sich amerikanische St├Ądte untereinander und mit anderen St├Ądten auf der ganzen Welt zusammengeschlossen, um den Klimaschutz voranzubringen.

Die Au├čenpolitik von unten, hat dazu beigetragen, das Klimaabkommen von Paris auch in schweren Zeiten am Leben zu halten. An einer solchen┬áÔÇťurban diplomacyÔÇŁ┬ám├╝ssen wir weiter arbeiten, auch wenn der Multilateralismus inzwischen wieder mehr R├╝ckenwind hat. Es braucht f├╝r die international agierenden St├Ądte auch einen Ansprechpartner im Ausw├Ąrtigen Amt.

Zudem wird an immer mehr Orten der Welt der freie Austausch und das Engagement der Zivilgesellschaft zunehmend eingeschr├Ąnkt.

Und so wurde es ein Schwerpunkt dieser Legislaturperiode, ein Netz aufzubauen, das Menschen sch├╝tzt, wo sie ihrer Arbeit in Wissenschaft, Kunst, Kultur, Medien oder als MenschenrechtsaktivistInnen bedroht sind. Etwas, von dem wir uns w├╝nschten, es sei nicht notwendig, doch von dem wir wissen, wir m├╝ssen uns dieser Verantwortung stellen.

Neben der Martin-Roth- und Philipp-Schwartz-Initiative haben wir in dieser Legislaturperiode die Elisabeth-Selbert-Initiative f├╝r Menschenrechtsverteidiger und die Hilde-Domin-Initiative f├╝r Studierende auf den Weg gebracht.

Wir haben unseren Einsatz f├╝r Pressefreiheit und die Deutsche Welle gest├Ąrkt. Und wir halten mit Orten wie der Kulturakademie Tarabya in der T├╝rkei oder dem Thomas-Mann-Haus in den┬áUSA┬ádauerhaft R├Ąume des Dialogs und des Austauschs ├╝ber Grenzen hinweg offen.

Zweitens Zu Beginn dieser Wahlperiode war mir eines wichtig: Die Rolle der Kultur f├╝r das Erreichen der┬áSDGs. Nachhaltigkeit ist zum Mittelpunkt unserer Arbeit geworden. Denn: Im Zeitalter des Anthropoz├Ąn ist es umso mehr die Kultur, die uns den Weg in die Zukunft weisen kann.

Ein wichtiges Instrument dabei war die Weiterentwicklung unserer Au├čenwissenschaftspolitik zu einer umfassenden Science Diplomacy. Das ist nicht nur alter Wein in neuen Schl├Ąuchen. Es geht hier um einen echten Paradigmenwechsel. Um ein Bild zu gebrauchen: weg vom Staubsauger, der Talente nach Deutschland zieht, hin zum Ventilator, der den globalen Strom der Ideen am Laufen h├Ąlt.

In der Pandemie haben wir gesehen, wie wichtig internationale Wissenschaftszusammenarbeit ist.

In Rekordzeit wurden Impfstoffe entwickelt. Warum? Weil Menschen nicht allein in ihrem stillen K├Ąmmerlein vor sich hingeforscht haben, sondern sich international vernetzen. Auch den Klimawandel werden wir nur so bew├Ąltigen k├Ânnen.

Deshalb haben wir nicht nur gezielt die Freiheit der Wissenschaft gest├Ąrkt. Wir haben acht neue Globale┬áDAAD-Zentren und Humboldt-Forschungshubs zu Klima- und Gesundheitsforschung, errichtet und auch ├╝ber die ganze Welt verteilt Deutsche Wissenschafts- und Innovationsh├Ąuser gegr├╝ndet.

Gemeinsam mit der Alexander von Humboldt-Stiftung starten wir gerade f├╝nf Forschungshubs in Afrika.

Nachhaltigkeit ist zu einem Querschnittsthema unserer Internationalen Kultur- und Bildungspolitik geworden.

Nachhaltigkeit – das bedeutet, nicht mehr zu verbrauchen als nachwachsen kann. Aber uns muss klar sein: Nachhaltigkeit zu erreichen hei├čt heute als Auftrag f├╝r uns:┬ábuild back better.

Wir m├╝ssen mehr tun als bisher und wir brauchen auch die junge Generation.

Noch vor der Gr├╝ndung von Fridays for Future, haben wir unser ÔÇ×kulturweitÔÇť-Programm um die ÔÇ×naturweitÔÇť-Komponente erg├Ąnzt. Damit k├Ânnen sich junge Menschen weltweit in Unesco-Biosph├Ąrenreservaten, Naturerbest├Ątten und Geoparks f├╝r den Naturerhalt engagieren.

Und schlie├člich haben wir auch Geschlechtergerechtigkeit zu einem Schwerpunkt unserer Arbeit gemacht. Nicht nur in der Internationalen Kulturpolitik, sondern in unserer Au├čenpolitik insgesamt.

Denn auch eine ÔÇ×Feministische Au├čenpolitikÔÇť ist eine Frage von Nachhaltigkeit.

Und drittens haben wir unsere Internationale Kulturpolitik noch offener gemacht: durch neue Themen, neue Partner und neue Formate.

Bei der Internationalen Kulturpolitik geht es um unsere gemeinsame Zukunft.

Und das ist eben nicht nur die Zukunft der mehrsprachigen Linguistin in Berlin oder London, sondern auch der Kassiererin in Bochum oder des Mechanikers in Mumbai. Das muss sich auch in unserer Arbeit widerspiegeln.

Mit dem Deutschlandjahr in den┬áUSA┬áhaben wir Menschen in allen 50 Bundesstaaten erreicht, und zwar nicht nur in New York und San Francisco, sondern auch in Kansas und Nebraska. Unsere digitalen Kan├Ąle wurden von 4,2 Mio. Menschen besucht.

Das war die gr├Â├čte ├ľffentlichkeitskampagne in der Geschichte des Ausw├Ąrtigen Amtes.

Wir haben gemeinsam mit dem Bundestag die Auslandsschulen in den Blick genommen und Verbesserungen f├╝r die Lehrenden erreicht, weil wir wissen, dass wir dieses Netzwerk auch in Zukunft brauchen und hier noch weiter investieren m├╝ssen.

Daneben haben wir unsere Zusammenarbeit mit Regionen ausgebaut, die wir viel zu lange vernachl├Ąssigt haben.

Das gilt besonders f├╝r die afrikanischen L├Ąnder.

Auf meinen Reisen als Staatsministerin habe ich in Afrika unglaublich viele Menschen kennengelernt, die vor Ideen und Kreativit├Ąt nur so spr├╝hten. Was mir zum Beispiel junge IT-ler im Silicon Savannah in Nairobi gezeigt haben, davon k├Ânnen wir uns eine ganze Scheibe abschneiden. Dass wir diese Konzepte im Westen immer noch viel zu wenig wahrnehmen, liegt nicht zuletzt an Rollenbildern und Klischees, die seit dem Kolonialismus immer noch in unseren K├Âpfen herumspuken.

Es war deshalb h├Âchste Zeit, die Spinnenweben in unseren K├Âpfen zu beseitigen und endlich damit zu beginnen, uns diesem Kapitel unserer Geschichte zu stellen. Denn der Kolonialismus war eben keine Fu├čnote der Geschichte. Er pr├Ągt das Leben von Milliarden von Menschen bis heute.

Man kann wohl mit Fug und Recht sagen: Keine Bundesregierung zuvor hat die Aufarbeitung des Kolonialismus so entschlossen vorangetrieben.

Wir haben Leitlinien zum Umgang mit Objekten aus kolonialen Kontexten verabschiedet. Die Benin-Bronzen sollten die ersten und nicht die letzten Kunstsch├Ątze sein, die dorthin zur├╝ckkehren, wo sie hingeh├Âren. Und mit der Konferenz┬áÔÇťShared historyÔÇŁ┬áhaben wir einen wichtigen Schritt zu der Herausbildung eines gemeinsamen Verst├Ąndnisses der Kolonialgeschichte getan.

Bei ├ťbergabe der menschlichen Gebeine an Namibia 2018 habe ich gesp├╝rt, wie tief Wunden der Vergangenheit noch immer sind.

Gut, dass wir jetzt diesen wichtigen Schritt machen und mit Namibia eine Einigung ├╝ber einen gemeinsamen Umgang mit dem dunkelsten Kapitel in der Geschichte unserer L├Ąnder erzielen konnten. Die Botschaft lautet: Wir wollen in Bewusstsein unserer historischen Verantwortung gemeinsam die Zukunft gestalten.

Was mir besonders wichtig ist: ÔÇ×WirÔÇť hei├čt, all das konnten wir nur zusammen mit Menschen aus der Wissenschaft und Zivilgesellschaft getan.

Ohne deren Einsatz, und ja: auch ohne ihr Dr├Ąngen und ihre Kritik, w├Ąren wir nicht da, wo wir heute sind. Ich w├╝nsche mir, dass auch das Humboldt-Forum mit der Er├Âffnung nicht stehen bleibt, sondern einen solchen Dialog weiterf├╝hrt. Und ich sage Ihnen auch ganz ehrlich: Ich selbst w├╝rde mir manchmal ein bisschen mehr Tempo dabei w├╝nschen.

 

Meine Damen und Herren,

am Ende dieser Legislaturperiode kann man sagen: Unsere Aufgabe war es, die Internationale Kulturpolitik an die Herausforderungen unserer Zeit anzupassen.

Das ist uns mit unserer Agenda in wichtigen Bereichen gelungen. Der Entwurf f├╝r eine neue Strategie liegt nun auch auf dem Tisch und ich w├╝nsche dem n├Ąchsten Bundestag, dass er sich weiterhin so geschlossen und entschlossen f├╝r diese dritte S├Ąule unserer Au├čenpolitik engagiert.

Ich bin froh, dass wir es 2019 erstmals geschafft haben, die ÔÇ×KulturmilliardeÔÇť zu erreichen, und damit eine echte Wegmarke gesetzt haben. Ein Etat von einer Milliarde Euro f├╝r unsere Internationale Kulturpolitik – das war gut angelegtes Geld:

Vielen Dank an die Kolleginnen und Kollegen des Deutschen Bundestages, vor allem im Unterausschuss f├╝r Ausw├Ąrtige Kultur- und Bildungspolitik: ohne Sie, ohne Euch, w├Ąre das nicht m├Âglich gewesen!

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen:

Im Englischen gibt es den sch├Ânen Ausdruck:┬ápreaching to the converted┬áÔÇô den Bekehrten eine Predigt halten.

Wir ahnen alle, was f├╝r gewaltige Ver├Ąnderungen uns und unserer Demokratie noch bevor stehen. Gerade angesichts der ver├Ąnderten Kommunikation.

Das Entscheidende f├╝r mich ist: Wir m├╝ssen den digitalen Kulturraum aktiv gestalten. Und zwar so, dass er der Allgemeinheit verpflichtet ist und nicht dem Markt; dass Hass, Hetze und gezielte Falschinformationen nicht unsere Demokratie untergraben; und dass K├╝nstlerinnen und K├╝nstler auch im digitalen Raum Geld verdienen k├Ânnen und nicht zum neuen Prekariat des digitalen Zeitalters werden. Wenn wir das schaffen, dann bietet die Digitalisierung f├╝r unsere Kulturpolitik riesige Chancen. Insbesondere f├╝r Europa.

Ein digitaler Kulturraum kann der entscheidende Schl├╝ssel sein, um endlich eine gemeinsame europ├Ąische ├ľffentlichkeit zu schaffen. Er kann uns dabei helfen, mehr Menschen zu erreichen. Und er kann uns bei der weltweiten Vernetzung unterst├╝tzen.

Ich habe w├Ąhrend unserer Ratspr├Ąsidentschaft deshalb vorgeschlagen, ein digitales europ├Ąisches Kulturinstitut zu gr├╝nden, das von den Kulturinstituten der Mitgliedstaaten getragen wird, gemeinsame Inhalte produziert und Menschen in Europa und dar├╝ber hinaus miteinander vernetzt.

F├╝r mich ein wichtiger Baustein f├╝r eine st├Ąrkere gemeinsame europ├Ąische Internationale Kulturpolitik. Auch das ein zentrales Thema f├╝r die n├Ąchsten Jahre. Ebenso wie das Thema des Kulturerbeschutzes und der Kulturgutrettung.

Und schlie├člich: Wir m├╝ssen mehr Menschen erreichen und wir m├╝ssen auch bunter und diverser werden. Inzwischen hat jeder vierte Mensch in Deutschland einen Migrationshintergrund. Viele haben mehrere Muttersprachen. Solche interkulturellen Kompetenzen erleichtern Br├╝cken ├╝ber die eigenen Nationalstaatsgrenzen hinweg.

Das ist ein riesiger Schatz, den wir st├Ąrker nutzen m├╝ssen. Das Anwerbeabkommen mit der T├╝rkei j├Ąhrt sich in diesem Jahr zum 60. Mal. Ich meine: Es ist Zeit f├╝r Dank und Anerkennung. All jenen gegen├╝ber, die helfen, dieses Land stark zu machen.

Die alten Kategorien von Innen und Au├čen l├Âsen sich ohnehin immer st├Ąrker auf. Ist ein st├Ądtisches Theater, das eine kolumbianische Schauspielertruppe einl├Ądt, Innen oder Au├čen? Ist die Forschung ├╝ber die zunehmende Trockenheit in Deutschland, die durch den globalen Klimawandel hervorgerufen wird, Innen oder Au├čen? Fest steht doch: Alles ist IN UNSERER WELT.

Auch f├╝r die Au├čenpolitik ist es wichtig, daran zu arbeiten, dass unsere Gesellschaften stark sind. Deswegen sollten wir auch F├Ârderinstrumente und Strukturen auf den Pr├╝fstand stellen, die noch auf der alten Logik von Innen und Au├čen beruhen.

 

Meine Damen und Herren,

der Philosoph Karl Jaspers pr├Ągte die Theorie der Achsenzeit.

Er zeigte, wie im ersten Jahrtausend vor Christus die Welt zum ersten Mal zusammenwuchs. Die gleichen revolution├Ąren Ideen entstanden in Indien wie in China, in Griechenland wie in der Levante.

Ich bin ├╝berzeugt: Wir leben heute in einer neuen Achsenzeit. Aber in einer, die in einem Tempo zusammenw├Ąchst, wie es fr├╝her unvorstellbar war. Die Entwicklung von Jahrhunderten vollzieht sich heute in Jahren.

Vor knapp 300 Mio. Jahren gab es einen gemeinsamen Urkontinent, der die gesamte Landmasse der Erde umfasste: Pang├Ąa.

Durch die Globalisierung und die Digitalisierung entsteht heute das neue Pang├Ąa. Definieren wir gemeinsam, wie wir diese Zeit gestalten.

Denn: Wenn Menschen im globalen S├╝den hungern, f├╝hrt das zu Instabilit├Ąt, Flucht und Migration. Wenn in einem Land wissenschaftliche Erkenntnisse unterdr├╝ckt werden, verhindert das, dass wir gemeinsam den Klimawandel bek├Ąmpfen k├Ânnen.

Alles h├Ąngt mit allem zusammen. In dieser Zeit der globalen Gleichzeitigkeit braucht es die Ausw├Ąrtige Kultur- und Bildungspolitik mehr denn je.

Sie ist kein Feigenblatt f├╝r die ÔÇ×echteÔÇť Au├čenpolitik. Sie ist eine zentrale Bedingung daf├╝r, dass Frieden und Sicherheit langfristig und nachhaltig gesichert werden.

Verehrte Damen und Herren!

Die Zeiten ├Ąndern sich, aber die Kraft der Kultur bleibt. Der Geist von Christoph Schlingensief ist auch nach ├╝ber 20 Jahren lebendig. Ich habe in den letzten Jahren viele Menschen getroffen, die f├╝r die Internationale Kulturpolitik brennen. Und Sie alle machen mich optimistisch.

Mein Wunsch ist, dass auch heute junge Menschen die Erfahrung machen k├Ânnen, wie Kunst das eigene Leben ver├Ąndern kann: Christoph w├╝rde das freuen.


Hier kann das Video der Veranstaltung angeschaut werden (Rede Michelle M├╝ntefering ab 2:30):

Und hier noch ein paar Eindr├╝cke:

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