Gru├čwort zum Abschied von Steven Sloane nach 27 Jahren als Generalmusikdirektor in Bochum­čÄą

Mein Gru├čwort zum Konzert der Bochumer Symphoniker in der Jahrhunderthalle Bochum am 25.06.2021. Der Anlass war gleich doppelt besonders: Denn 2021 feiern wir 1700 Jahre J├╝disches Leben in Deutschland. Zudem verabschiedeten wir wir Steven Sloane nach 27 Jahren als Generalmusikdirektor in Bochum.


Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Musikerinnen und Musiker,
lieber Steven Sloane
Shalom! Gl├╝ckauf!

Wie sch├Ân, Sie alle hier zu haben, bei uns in Bochum. Uns das zu einem wirklich wunderbaren Anlass, 1700 Jahre j├╝disches Leben in Deutschland.

Als der ├ľsterreicher Gustav Mahler Ende des 19. Jahrhunderts seine 2. Symphonie vollendete, die Sie heute spielen, war er erster Kapellmeister am Stadt-Theater in Hamburg. Ganz Europa kannte ihn. Und dennoch schlugen ihm immer wieder offene Ablehnung und Hass entgegen. Denn er war Jude.

In einem Brief schrieb er:

ÔÇ×Mein Judentum verwehrt mir, wie die Sachen jetzt in der Welt stehen, den Eintritt in jedes Hoftheater. Nicht Wien, nicht Berlin, nicht Dresden, nicht M├╝nchen steht mir offen.ÔÇť

2021 feiern wir das j├╝dische Kulturerbe und w├╝rdigen den Einfluss j├╝discher K├╝nstlerinnen und K├╝nstler auf die Kulturgeschichte Deutschlands.

Das ist gut so. Denn das Judentum war immer ein fester Bestandteil deutscher und europ├Ąischer Kultur.

Es hat unsere Kunst, Musik und Literatur ungemein bereichert.

Unsere Kulturgeschichte ohne das Judentum ist schlicht und ergreifend nicht vorstellbar.

Und doch zeigen die Erfahrungen Mahlers wie so vieler anderer, dass sich der Antisemitismus wie ein roter Faden durch diese 1700-j├Ąhrige Geschichte zieht.

Er gipfelte im dunkelsten Kapitel, der millionenfachen Ermordung der europ├Ąischen J├╝dinnen und Juden durch die Nationalsozialisten.

Und auch heute, mehr als 75 Jahre nach der Shoah, m├╝ssen J├╝dinnen und Juden in unserem Land um ihr Leben f├╝rchten. Das ist unertr├Ąglich.

Ich bin ├╝berzeugt: Der Kampf gegen rechte Hetze und Antisemitismus ist entscheidend, auch f├╝r unsere Demokratie.

Dazu geh├Ârten Taten, klare Gesetze gegen Hass und Hetze. Und dazu geh├Ârt auch, die Erfahrung der Gemeinsamkeit, der Gleichwertigkeit der Menschen. Kulturelle Bildung kann hier so viel bewirken, wenn sie ganz besonders junge Menschen beteiligt und zusammenbringt. Denn: Echte Freundschaften sind das beste Gegenmittel im Kampf gegen den Hass.

Meine Damen und Herren,
Ich bin dankbar f├╝r die engen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Sie sind ├╝ber die letzten Jahrzehnte stetig gewachsen und ich kann es kaum erwarten, in wenigen Tagen schon wieder in Ihrem Land zu Gast zu sein.

Und ja: Diese engen Verbindungen zwischen unseren L├Ąndern sind tats├Ąchlich wunderbar. Deshalb f├Ârdern wir als Ausw├Ąrtiges Amt den kulturellen Austausch, die Musik ist dabei eine starke, eigene Kraft.

Das sp├╝re ich auch jedes Mal, wenn ich mit Musikerinnen und Musikern spreche, aus Israel und der arabischen Welt, die gemeinsam an der Barenboim-Said-Akademie studieren.

Umso sch├Âner, dass das Jerusalem Symphony Orchestra zum ersten Mal seit 10 Jahren wieder in Deutschland ist und dass ich sie alle hier in Bochum begr├╝├čen darf. Seien Sie uns herzlich willkommen.

Sicher spielt es sich in diesen Hallen anders, als in der Elbphilharmonie oder auf dem Gendarmenmarkt – aber ich hoffe, dass Sie gerade hier etwas Besondres mitnehmen k├Ânnen. Die Atmosph├Ąre des Ruhrgebiets. Die Tradition der Solidarit├Ąt und des Miteinanders. Gerade nach dieser Zeit, in der wir alle Gesp├╝rt haben, wie sehr uns Kunst und Kultur ein Lebenselixier sind.

Danke, dass Sie hier sind.

Sie haben jemanden an Ihrer Seite, der diese Traditionen nicht nur kennt, sondern auch lebt. Einen, der Br├╝cken zwischen Menschen baut.

Lieber Steven Sloane, dass Du heute am Dirigentenpult stehst, ist ein echtes Heimspiel. Du hast das musikalische Leben hier in dieser Stadt gepr├Ągt. Bochum hat dir so viel zu verdanken.

Und ich kann dir nur eines sagen: So ganz lassen wir dich nicht los. Das siehst Du heute und, da bin ich sicher, auch in Zukunft.

Heute aber sagen wir von Herzen Danke Steven Sloane, dem K├╝nstler, und auch dem Menschen.

Eines wird ganz sicher bleiben: Das Br├╝ckenbauen, zwischen Deutschland und Israel, zwischen den Menschen mit der Kraft der Musik.

Lieber Steven Sloane, verehrte Damen und Herren,

ÔÇ×Warum hast du gelebt? Warum hast du gelitten? […] In wessen Leben dieser Ruf einmal ert├Ânt ist ÔÇô der muss eine Antwort gebenÔÇť

Das schrieb Mahler ├╝ber seine zweite Symphonie. Es sind die gro├čen Fragen unseres Lebens. Mahler gab seine Antwort mit Musik.

Ich k├Ânnte mir f├╝r den heutigen Abend kaum ein besseres Werk vorstellen als dieses St├╝ck.

Ich danke allen Beteiligten und w├╝nsche ein Konzert.


Das Video der Rede kann hier angeschaut werden: